DER ARTIKEL ZUM PODCAST
Wien, 23. Juli 2026
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WANN IST DAS NÄCHSTE MATCH?
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei. Endlich, möchte man hinzufügen – und das keineswegs aus grundsätzlicher Abneigung gegen den Sport. Aber 104 Spiele, 48 Mannschaften und beinahe sechs Wochen Turnierbetrieb waren weniger ein Fußballfest als eine neue Jahreszeit. Irgendwann gehörte die Nachspielzeit so selbstverständlich zum Tagesablauf wie Zähneputzen und Wetterbericht. Für das Wiener Clubleben wirkte die WM dabei eher wie ein flächendeckend verabreichtes Beruhigungsmittel. Wegen der Zeitverschiebung begannen zahlreiche Spiele erst spätabends, manche sogar mitten in der Nacht. Das förderte jene privaten Fernsehrunden, die zunächst unverbindlich mit Chips und Bier beginnen und spätestens in der Verlängerung jede weitere Abendplanung erledigt haben. Wer um Mitternacht bereits in die Couch eingesunken war, entwickelte danach nur selten den unwiderstehlichen Wunsch, sich noch in eine Garderobenschlange einzureihen. Die Homeparty wurde zur Endstation, der Clubbesuch zur theoretischen Möglichkeit – ähnlich wie ein frühmorgendlicher Dauerlauf.
NÄCHSTER SAUNAAUFGUSS
Auch abseits des Fußballs nimmt das Wiener Nachtleben seinen gewohnt gemächlichen Sommerweg. Die wirklich großen Neuigkeiten blieben bislang aus. Eine bemerkenswerte Ausnahme gibt es allerdings: Die Pratersauna soll unter dem Namen „Edison Pratersauna“ zumindest teilweise wiederbelebt werden. Wer dabei sofort an mehrere Floors, ausufernde Nächte und verschwitzte Morgenstunden denkt, sollte die Euphorie allerdings noch ein wenig im Kühlschrank lagern. Geplant ist zunächst ein Pop-up vom 23. Juli bis Ende September, bespielt wird ausschließlich der Außenbereich. Geöffnet ist von Donnerstag bis Sonntag, jeweils zwischen 10 und 22 Uhr. Der Pool und der Beachvolleyballplatz wurden saniert, dazu gibt es DJs, Getränke und eine kleine Speisekarte. Rund 300 bis 400 Menschen sollen Platz finden, der Eintritt kostet sieben Euro.
Das klingt angenehm, sommerlich und grundsätzlich begrüßenswert. Mit jener Pratersauna, die über Jahre hinweg zu den prägenden Orten des Wiener Nachtlebens gehörte, hat das neue Konzept vorerst allerdings wenig zu tun. Der Indoorclub bleibt geschlossen. Statt nächtlicher Eskalation gibt es Tagesgastronomie, statt Stroboskoplicht vermutlich Sonnenschutzfaktor 50. Dass zunächst nur der Außenbereich zurückkehrt, ist jedoch weniger Ausdruck fehlenden Ehrgeizes als eine Folge der ziemlich ernüchternden Ausgangslage. Nach der Insolvenz der früheren Betreibergesellschaften wurde die Location massiv verwüstet. Glasscheiben, Böden und Teile der Einrichtung wurden beschädigt, selbst der Pool verwandelte sich zeitweise von einem sommerlichen Sehnsuchtsort in eine Art dekorative Müllgrube. Der entstandene Schaden soll im sechsstelligen Bereich gelegen sein. Vor diesem Hintergrund erscheint die schrittweise Wiederbelebung als realistische Variante. Ob daraus irgendwann wieder ein vollwertiger Club entstehen kann, bleibt offen. Vorerst gibt es Musik, Drinks und einen Sprung ins sanierte Becken. Ich werde jedenfalls einen kritischen Blick hineinwerfen – und möglicherweise auch einen vorsichtigen Fuß ins Wasser halten.
MÜNCHEN LANDET AUF DER DONAUINSEL
Am Samstag, dem 1. August, wird die Wiener Sommerruhe dann deutlich lauter unterbrochen. Mit „Isle of Summer Vienna“ feiert ein neues Festival auf der Donauinsel seine Premiere. Das Format stammt ursprünglich aus München und wird in Wien von der Isle of Summer Permanent Entertainment GmbH veranstaltet. Auch deren Büroadresse befindet sich, konsequenterweise, in München. Für ein Interview blieb bei den Organisatoren leider keine Zeit. Dort dürfte man mit der Vorbereitung ausreichend beschäftigt sein – oder man hält die betont wortkarge Kommunikation bereits für einen Teil des Münchner Veranstaltungskonzepts.
Klein oder vorsichtig fällt die Wiener Premiere jedenfalls nicht aus. Zwischen 11 und 23 Uhr werden auf vier Bühnen mehr als 30 internationale und lokale Acts angekündigt. Musikalisch reicht das Programm von melodischem Techno und House über Trance und Bounce bis hin zu Hardtechno. Das Line-up liest sich entsprechend großzügig: Eric Prydz, CamelPhat, Ben Böhmer live, WhoMadeWho mit einem Hybrid-DJ-Set, Deborah De Luca, I Hate Models, Kobosil, Holy Priest und Hugel gehören zu den prominentesten Namen. Von einem behutsamen Kennenlernen des Wiener Publikums kann also keine Rede sein. Hier wird gleich beim ersten Versuch das komplette Großveranstalterbesteck auf den Tisch gelegt. Auch der Vorverkauf dürfte ordentlich gelaufen sein. Die regulären Tickets befinden sich bereits in den höheren Preisstufen. Nach dem Festival wird an zwei verschiedenen Orten weitergefeiert: im O – der Klub mit Hardtechno und Bounce, im Melia mit melodischeren House-Sounds. Selbst die Afterhour wird somit sauber nach musikalischen Gemütslagen getrennt. Wie sich die Münchner Großproduktion auf Wiener Boden – genauer gesagt: auf Wiener Inselgras – tatsächlich schlägt, lässt sich seriös erst im Nachhinein beurteilen. Ob hier der Anfang einer neuen Festivaltradition entsteht oder lediglich ein sehr großer, sehr lauter Import für einen einzigen Sommertag landet, wird Thema der nächsten Sendung sein. Die heimische Szene hat jedenfalls im letzten Anlauf doch noch eine kleine Stage bekommen. Und auch Philipp Straub darf im Lineup nicht fehlen…
BRUCK UND ZRUCK
Das eigentliche Thema dieser Ausgabe führt allerdings von der Donauinsel nach Bruck an der Leitha. Dort findet vom 31. Juli bis 2. August zum bereits fünften Mal das Festival Paradies Garten statt. Die Veranstaltung bezeichnet sich als eines der grünsten Festivals Europas und verspricht ein intimes Erlebnis in einer außergewöhnlichen Kulisse: dem historischen Harrachpark rund um Schloss Prugg. Der Veranstaltungsort liegt nur rund eine halbe Stunde von Wien entfernt. Nachtbusse führen zurück in die Hauptstadt, eine Verbindung gibt es auch nach Bratislava. Geografisch liegt es also in Niederösterreich. Sein Publikum sucht das Festival jedoch längst in jenem urbanen Grenzraum, in dem Wien, Bratislava und das dazwischenliegende Umland zu einer gemeinsamen Ausgehregion verschmelzen. Niederösterreich dient dabei weniger als kulturelle Provinz denn als großzügiger Garten vor den Toren zweier Städte.
Rein österreichisch ist die Geschichte des Festivals allerdings nicht. Paradies Garten ist das Schwesterfestival des belgischen Paradise City und damit ebenfalls ein importiertes Erfolgsmodell. In Bruck an der Leitha wird dieses Konzept mit regionaler Energie und zahlreichen Acts aus der Wiener Szene aufgeladen. Die Publikumszahlen sind über die Jahre deutlich gestiegen. Je nach Zählweise ist von mehreren Tausend Gästen oder von mehr als 8.400 „Unique Visitors“ im Jahr 2025 die Rede.
ANSPRUCH UND REALITÄT
Spannend ist vor allem der Anspruch, den Paradies Garten an sich selbst stellt: Natur, historische Landschaft, sorgfältige musikalische Kuratierung und ein möglichst nachhaltiger Festivalbetrieb sollen miteinander verbunden werden. Klassisches Camping wird inzwischen nicht mehr angeboten. Stattdessen setzt man stärker auf Bahnverbindungen, Shuttlebusse und organisierte Rückfahrmöglichkeiten. Eine bewusst eingehaltene Nachtruhe soll außerdem die Belastung für die Umgebung und die lokale Bevölkerung begrenzen. Das Paradies hat schließlich Nachbarn – und die möchten verständlicherweise nicht drei Nächte lang unfreiwillig am musikalischen Programm teilnehmen. 2026 wird das Sicherheits- und Betreuungskonzept weiter ausgebaut. Geplant sind ein eigener Awareness-Bereich und ein mobiles Support-Team. Hinzu kommen ortsspezifische Projekte, darunter ein beinahe originalgetreuer Nachbau des Studios von Radio Rudina. Unterstützt wird das Festival von durchaus gewichtigen Partnern wie den ÖBB, der Wiener Städtischen, Mastercard und Fritz-Kola. Auch darin zeigt sich der Balanceakt moderner Festivalproduktion: Das Erlebnis soll unabhängig, persönlich und beinahe verwunschen wirken, benötigt dafür aber eine hochprofessionelle Infrastruktur und entsprechend starke Partner.
ZWISCHEN GARTEN UND PROFIT
Paradies Garten will vieles gleichzeitig sein: international und lokal, wachsend und intim, ausgelassen und kontrolliert, ästhetisch anspruchsvoll und ökologisch verantwortungsbewusst. Gerade diese Widersprüche machen das Festival interessant. Denn Wachstum ist im Kulturbetrieb selten nur eine Erfolgsgeschichte. Mehr Publikum ermöglicht größere Produktionen, bekanntere Namen und wirtschaftliche Stabilität. Gleichzeitig droht genau jene Atmosphäre verloren zu gehen, mit der das Festival ursprünglich geworben hat. Nachhaltigkeit wiederum ist mehr als Mehrwegbecher, Fahrradständer und ein schön formulierter Bericht. Sie beginnt spätestens dort, wo die Auswirkungen des eigenen Wachstums nicht nur gemessen, sondern auch begrenzt werden müssen. Wie lange lassen sich diese Gegensätze produktiv zusammenhalten? Wie viel Internationalisierung verträgt ein regional verankertes Festival?
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