Salopp gesagt: who gives a sh*t. Popmusik lebt von Wiederholung, von Refrains, vom Erwartbaren, von dieser bequemen Comfort Zone. Du weißt, wann der Chorus kommt, du weißt, wie er klingt und genau das ist der Deal. Und Kevin Morby? Bricht damit. Der Singer-Songwriter aus dem Mittleren Westen der USA nimmt eine Zeile, dreht sie, dehnt sie, singt sie so lange, bis sie nicht mehr nach Hook klingt. Er reizt sie aus, bis sie kippt. Bis sie Risse bekommt. Bis sie etwas preisgibt, das nicht geplant war.
Sein neues Album „Little Wide Open“ bewegt sich zwischen staubiger Erinnerung und messerscharfer Gegenwart. Morby blickt zurück, aber nicht verklärt. Eher wie jemand, der weiß, woher er kommt, ohne dort stehen zu bleiben. Acht Studioalben tief ist er inzwischen. Und es klingt nicht nach Suche, sondern nach Entscheidung. Produziert von Aaron Dessner, der sonst mit Ed Sheeran oder Gracie Abrams an radiotauglicher Größe arbeitet. Hier aber wird nichts glattgezogen.
Morby sieht „Little Wide Open“ als dritten Teil einer losen Trilogie, nach "Sundowner" und "This Is A Photograph". Drei Kapitel über Herkunft und Erinnerung, über das, was dich geprägt hat und das, was du trotzdem hinter dir lassen musst. Kein abgeschlossenes Narrativ. Eher ein Weitergehen. Und das Entscheidende: Er interessiert sich nicht für das Polierte. Nicht für das Instagram taugliche Leben. Keine großen Gesten um ihrer selbst willen. Er schaut dahin, wo es unspektakulär ist. Küchenlicht um drei Uhr morgens. Ein Gespräch, das hängen bleibt. Eine Stadt, die sich fremd anfühlt, obwohl man sie eigentlich kennt.
Morby macht aus kleinen Szenen keine Hymnen. Er macht sie größer, indem er sie ernst nimmt. Seine Beobachtungen setzen sich fest. Langsam. Unaufdringlich. Und irgendwann merkst du, dass sie mehr Gewicht haben, als sie auf dem Papier je hatten.
KEVIN MORBY
Superfly-Konzert
Fr. 17. Juli 2026
SIMM CITY (Wien)


