Coltrane war einer jener Musiker, die den Jazz nicht einfach spielten, sondern seine Möglichkeiten ständig erweiterten. Tenorsaxophonist, Komponist, Bandleader und ein Suchender. Seine Karriere lässt sich beinahe wie eine Landkarte des modernen Jazz lesen. In den 1950er-Jahren spielte er unter anderem mit Miles Davis und Thelonious Monk. Bei Davis entstand 1959 mit "Kind of Blue" eines der berühmtesten Jazzalben überhaupt. Coltranes Spiel darauf ist noch vergleichsweise zurückhaltend, konzentriert. Aber schon damals hört man, dass dieser Musiker mehr sucht als nur die nächste gelungene Phrase.
Dann beginnt die eigentliche Reise. Coltrane entwickelte eine Spielweise, die immer dichter, schneller und komplexer werden konnte, ohne dabei ihre emotionale Kraft zu verlieren. Sein Saxophon konnte schreien, flüstern, kreisen. Er arbeitete sich durch Akkordfolgen, Tonleitern und harmonische Strukturen, als wollte er die Grenzen des Instruments ausloten. 1960 gründete er sein eigenes Quartett. Mit Musikern wie McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones entstand ein Klang, der bis heute exemplarisch für die Freiheit und Energie des Jazz steht. Und dann kam "A Love Supreme".
Das 1965 veröffentlichte Album ist weit mehr als eine Jazzplatte. Es ist ein musikalisches Glaubensbekenntnis, ein vierteiliges Werk über Spiritualität, Dankbarkeit und die Suche nach etwas, das größer ist als der einzelne Musiker. Coltranes berühmtes Motiv: vier Töne, immer wiederkehrend, wird zum Ausgangspunkt für eine Musik, die sich langsam öffnet und schließlich beinahe ins Unendliche zu weisen scheint. Coltrane selbst sprach von einer spirituellen Erweckung. Seine Musik wurde in dieser Phase zunehmend von religiösen und philosophischen Fragen geprägt. Gleichzeitig radikalisierte er seine musikalische Sprache. Aufnahmen wie "Ascension" oder "Meditations" forderten das Publikum heraus. Manche Hörer:innen verloren dabei den roten Faden. Andere fanden genau darin eine neue Freiheit.
Und vielleicht liegt darin Coltranes eigentliche Bedeutung. Er hat den Jazz nicht von einem festen Punkt zum nächsten geführt. Er hat ihn geöffnet. Coltrane starb 1967, mit gerade einmal 40 Jahren. Seine Lebenszeit war kurz. Seine musikalische Zeitrechnung nicht. Denn 100 Jahre nach seiner Geburt ist John Coltrane noch immer kein Musiker, den man einfach „abschließt“. Vielleicht ist das die schönste Vorstellung für einen imaginären 100. Geburtstag: Coltrane sitzt nicht irgendwo am Ende der Jazzgeschichte. Er spielt noch immer. Und wir hören noch immer hin!

