Wie wahrscheinlich viele andere auch, habe ich es aus Neugier heraus aufgeschlagen – und war erst einmal von dieser unbeschreiblichen Aufrichtigkeit in Verbindung mit einem großartigen literarischen Stil beeindruckt. Mich hat er stark an die französische Großmeisterin des Memoir Annie Ernaux erinnert. Das Buch setzt ein mit einer hübschen Beschreibung von Gisèle Pelicots Gewohnheit, immer schon am Vorabend den Frühstückstisch zu decken. Am nächsten Tag begleitet sie ihren Ehemann Dominique zur Polizeistation …
Neben den fast unerträglichen Informationen, die die Leserin von dem Zeitpunkt an gemeinsam mit ihr nach und nach erhält, sind es vor allem diese kleinen Details aus dem Leben und Alltag – auch während des laufenden Prozesses gegen ihren Exmann –, die einen aus der Lektüre nicht mehr auftauchen lassen. Die junge Gisèle verliert schon früh ihre Mutter. »Das Leben ist eine mit Scheiße belegte Stulle, von der man jeden Tag ein Stückchen abbeißt «, sagt später ihre Stiefmutter. Und die Autorin erklärt auf das hinauf, wie sie sich schon damals ihre Hymne an das Leben bewahrt hat: mit einem Schokobrötchen am Strand.
Dieser Text ist voller Kraft, nie reißerisch, literarisch und sensibel.
Gisèle Pelicot (mit Judith Perrignon)
Eine Hymne an das Leben
Ü: Patricia Klobusiczky
Piper, 256 S.


